Mit Fehlschüssen freundlich werden – Selbstmitgefühl am Bogen


Fehlschüsse gehören zum Bogenschießen dazu – genauso wie Fehler zum Leben. Die Art und Weise, wie wir damit umgehen, sagt oft mehr über unsere inneren Muster aus als der perfekte Treffer. „Mit Fehlschüssen freundlich werden“ bedeutet, eine Haltung zu entwickeln, in der wir uns selbst nicht mehr bekämpfen, sondern begleiten.

Wenn der innere Kritiker lauter ist als der Pfeil

Viele Menschen kennen beim Bogenschießen vor allem eine Stimme: „Du hättest besser zielen müssen“, „Schon wieder daneben“, „Das war ja klar“. Diese innere Kritik ist selten neu – sie spiegelt oft alte Erfahrungen mit Leistung, Erwartungen und Bewertung wider. Was am Bogen sichtbar wird, ist häufig eine Verstärkung dessen, was im Alltag leise im Hintergrund läuft.

Fehlschüsse können dann sehr schnell zu „Beweisen“ werden: „Ich kann das nicht“, „Ich bin zu blöd“, „Ich kriege nichts hin“. Der Blick geht nicht mehr auf den Prozess, sondern nur noch auf das Ergebnis. Genau hier setzt eine traumasensible und mitfühlende Haltung an: Es geht nicht darum, „besser zu funktionieren“, sondern darum, anders mit sich selbst umzugehen.

Fehlschuss oder Feedback? Eine Frage der Perspektive

Ein Pfeil, der neben der Mitte landet, ist zunächst nur eins: Information. Er zeigt, wie der Schuss in diesem Moment war – nicht, wie der Mensch „ist“. Ob daraus ein „Versagen“ oder ein hilfreiches Feedback wird, entscheidet die innere Haltung. Wer Fehlschüsse als Chance zum Lernen betrachten kann, bleibt neugierig und offen.

Am Bogen lässt sich diese Perspektivverschiebung gut üben. Statt sich zu fragen „Was habe ich falsch gemacht?“, können Fragen helfen wie:

  • Was war in diesem Schuss anders als im vorherigen?
  • Wo war meine Aufmerksamkeit – bei mir oder schon bei der Scheibe?
  • Wie habe ich geatmet, wie stand ich, wie habe ich mich gefühlt?

So wird aus einem Fehlschuss kein Urteil, sondern ein Impuls, den eigenen Prozess besser zu verstehen.

Selbstmitgefühl statt Selbstoptimierung

Selbstmitgefühl bedeutet nicht, alles schönzureden oder sich vor Anstrengung zu drücken. Es meint eine freundliche, zugewandte Haltung sich selbst gegenüber – gerade dann, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft. Am Bogen kann das heißen, sich innerlich zu sagen: „Es ist okay, dass nicht jeder Schuss perfekt ist. Ich darf Zeit brauchen.“

Anstatt sich innerlich anzutreiben („Reiß dich zusammen!“), darf eine andere Stimme wachsen: „Du machst gerade etwas Neues“, „Du bist hier, um zu üben, nicht um zu beweisen, dass du perfekt bist.“ Diese Haltung nimmt Druck heraus und schafft Raum, in dem sich echte Veränderung überhaupt erst entwickeln kann.

Was Fehlschüsse über alte Wunden erzählen

Manche Menschen reagieren auf einen Fehlschuss mit starkem Rückzug oder Scham, andere mit Ärger und harter Selbstkritik. Diese Reaktionen entstehen nicht im Moment, sondern haben oft eine Geschichte. Vielleicht waren Fehler früher gefährlich, wurden bestraft oder beschämt. Vielleicht war Anerkennung stark an Leistung gekoppelt.

Im geschützten Rahmen des therapeutischen Bogenschießens dürfen diese Muster sichtbar werden, ohne dass jemand „falsch“ ist. Der Bogen wird zu einem sicheren Ort, an dem ausprobiert werden kann: Wie wäre es, in einem Moment von „Daneben“ nicht wegzugehen, sondern dazubleiben – im Körper, im Gefühl, in der Beziehung? Diese Erfahrung kann sehr heilsam sein.

Freundlich bleiben – auch wenn es weh tut

Mit Fehlschüssen freundlich zu werden heißt nicht, dass alles leicht ist. Manchmal treffen Fehlschüsse genau die Stellen, an denen alte Zweifel oder Verletzungen sitzen. Freundlichkeit bedeutet hier: Tempo reduzieren, Pausen erlauben, Grenzen respektieren. Es darf Tränen geben, es darf Frust geben – aber all das muss nicht alleine getragen werden.

Konkret kann das am Bogen so aussehen:

  • Bewusst innehalten nach einem schwierigen Schuss.
  • Ein paar Atemzüge nehmen, bevor der nächste Pfeil aufgelegt wird.
  • Wahrnehmen, was im Körper gerade los ist, statt sofort zu „funktionieren“.
  • Worte finden, die wirklich gut tun – oder auch einfach still sein und spüren.

Was wir am Bogen lernen – und ins Leben mitnehmen

Der Umgang mit Fehlschüssen am Bogen ist oft erstaunlich nah am Alltag: Wie reagiere ich, wenn etwas nicht klappt – in Beziehungen, im Job, mit mir selbst? Ziehe ich mich zurück, mache ich mich klein, gehe ich in Angriff, gegen andere oder gegen mich? Oder kann ich neugierig bleiben und mir selbst freundlich begegnen?

Wer lernt, am Bogen sanfter mit sich zu sein, nimmt diese Erfahrung meist mit nach draußen. Plötzlich muss nicht jeder „Fehler“ ein Drama sein. Es entsteht die leise, aber kraftvolle Erfahrung: „Ich darf unperfekt sein – und trotzdem hier sein, trotzdem üben, trotzdem wachsen.“

So wird intuitives oder therapeutisches Bogenschießen zu einem Weg, Selbstmitgefühl ganz praktisch zu üben: Pfeil für Pfeil, Fehlschuss für Fehlschuss, Schritt für Schritt hin zu einem milderen, liebevolleren Blick auf sich selbst.


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